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Voraussetzungen für Pferdegestützte Therapie


Die Anforderungen, die Tiergestützte Therapie an die Therapeutin stellt, sind vielfältig und im Vorfeld sorgfältig zu durchdenken.
Zunächst einmal muss der therapeutische Grundberuf gegeben sein. Das ist aus unserer Sicht zwingend notwendig, um den therapeutischen Anspruch dieser Arbeit zu erfüllen.
Wer sich an die Pferdegestützte Logopädie heranwagt, sollte über einige Jahre Pferdeerfahrung verfügen und bereit sein, sein Wissen stetig zu erweitern und zu vertiefen. Eine absolute Sicherheit im Umgang, soweit man bei Tieren von absoluter Sicherheit sprechen kann, ist die Basis für den Einsatz in der Therapie. Die Stimmungen des Pferdes müssen für den Therapeuten klar ersichtlich sein, um eine adäquate Reaktion gewährleisten zu können. Das setzt voraus, dass, bevor der erste Therapieeinsatz stattfindet, der Therapeut sich einige Zeit mit dem Pferd beschäftigt haben muss, und eine beiderseitige Vertrauensbasis entstanden ist, gleichgültig, ob es sich um die eigenen oder "geliehene" Pferde handelt.

Jeder Therapeut muss in der Lage sein, sein Pferd, zugeschnitten auf seine therapeutische Arbeit hin, auszubilden. Das beeinhaltet Schrecktraining, gymnastizierende Arbeit an Hand, Longe und im Sattel und eventuell auf die Therapie bezogene Spielereien.

Die Veränderungen, die speziell der Einsatz des Pferdes in den Arbeitsalltag bringt, sind nicht zu unterschätzen.
Zunächst einmal ist der Zeitfaktor weitaus größer. Die Therapien am laufenden Band, wie man es aus der normalen Praxis kennt, sind mit Pferd nicht umzusetzen. Immerhin kommt mit dem Tier neben Kind und Therapeut ein dritter Faktor ins Spiel, der mal langsamer frisst, dreckiger ist als sonst, oder sich am einen Tag mehr Zeit lässt, von der Koppel zu kommen als am Tag zu zuvor. Und weil jedes Pferd nach der Therapie oder noch als Teil davon versorgt werden muss, sollte man nach der Stunde einen Puffer einrechnen.
Auch die tägliche Anzahl der Kinder, die in Einzeltherapie behandelt werden können, sinkt, so man denn nicht zehn Pferde zur Verfügung hat oder jedes mehrere Male arbeiten lassen möchte. Eine mögliche Alternative ist der Aufbau verschiedener Gruppen oder eine Kombination von klassischer und pferdegestützter Logopädie. So oder so, Ideenreichtum und Organisationstalent sind gefordert!
Neben der Erhöhung der Zeitspanne innerhalb der Arbeit, muss auch bedacht werden, dass das Pferd selbstverständlich Ausgleichsarbeit braucht. Wer denkt, mit den Therapien sei es ausgelastet und genügend gefordert, der irrt. Das tägliche Training mit der Therapeutin darf nicht fehlen (s. Ausgleichstraining ) und beansprucht nochmal eine dicken Batzen Zeit.


Wer mit Pferden arbeitet, sollte sich im Klaren über ihre Bedürfnisse sein und sich dann überlegen, ob er die räumlichen Voraussetzungen schaffen kann, um ihnen gerecht zu werden. Pferdehaltung in Boxen ohne soziale Kontakte und Weidegang ist ohnehin fragwürdig, aber ein Pferd, dessen Grundbedürfnisse derart unbefriedigt sind, als Partner in der Therapie einzusetzen, bei der es ja um psychische und physische Gesundheit geht, ist nicht sinnvoll und mit unserem Grundgedanken nicht vereinbar.
Neben den zeitlichen gilt es also noch räumliche Faktoren zu bedenken. Und selbstverständlich die finanziellen. Die Haltung von Pferden ist ein nicht zu unterschätzender Kostenfaktor. Damit ist nicht nur die ja gut kalkulierbare Stallmiete gemeint, hinzu kommen anfallende Tierarztkosten, Schmied, Versicherung, Ausrüstung, Futter und Benzin. Es sollte möglich sein, einen Puffer für Notfälle oder größere Anschaffungen wie z.B. einen neuen Sattel, anzulegen. Auch Beritt oder weitere Ausbildung der Pferde muss mit eingerechnet werden, genau wie die Weiterbildung der Therapeutin.

Wer in die Pferdegestützte Arbeit einsteigen möchte, muss sich gut überlegen, wie viel Arbeit er seinem Pferd geben möchte, ob es den Ansprüchen gerecht werden kann und was er macht, wenn es zum Beispiel lahmt. Gibt es mehrere eigene Pferde oder besteht die Möglichkeit, im Stall andere geeignete Pferde quasi zu "leihen"? Das erweitert natürlich die wirtschaftlichen Möglichkeiten und viele Reiter sind ganz froh, wenn sie ihr Ross einen weiteren Tag beschäftigt wissen.

Im Alltag gilt es, den Spagat zu bewältigen, zwischen Wirtschaftlichkeit und vernünftiger, fruchtbarer Arbeit mit den Pferden. Bei allen positiven Punkten der Tiergestützten Arbeit, gilt es dennoch, sich im Vorfeld zu überlegen, in welchem Umfang jeder einzelne bereit ist, zu Lasten der finanziellen Situation dem Pferd und seinen Bedürfnissen Zugeständnisse zu machen.




Ein Job stellt gewisse Ansprüche an uns, auf die wir uns vorbereiten müssen, und von denen im Vorfeld keinesfalls sicher ist, ob wir sie gut erfüllen können. Nicht anders ist das bei den Pferden, die wir in der Therapie einsetzen. Sie haben einen anspruchsvollen Job zu leisten, aber nicht jedes ist dafür geeignet.

Was sollte ein Pferd mitbringen, um zum zuverlässigen Partner innerhalb der Therapie zu werden?

Zunächst einmal stellt sich die Frage nach der Richtung unserer therapeutischen Arbeit und dem Klientel. Ein Pferd, das hauptsächlich mit Erwachsenen arbeitet, ist auf andere Weise gefordert, als eines, das größtenteils in der Arbeit mit Kindern eingesetzt wird. Dennoch gibt es selbstverständlich einige Grundvoraussetzungen, die auf alle Therapiepferde zutreffen.

Es erklärt sich eigentlich von selbst, dass ein Pferd, das mit Menschen arbeitet, die von Hause aus nicht unbedingt über Erfahrung mit Pferden verfügen, eine gewisse Grundgelassenheit und Toleranz gegenüber ungewohnten Bewegungen und Verhalten mitbringen sollte. Unsere Patienten sind oft noch nicht in der Lage, Nähe und Distanz zum Tier sicher einzuschätzen. Manche Kinder begegnen dem Pferd sehr schnell sehr nah und unterschreiten massiv dessen Individualdistanz. Das kann bei sensiblen Pferden zu Angst- oder Abwehrreaktionen führen. Gefahren, wie zum Beispiel die eines unaufmerksam abgestellten Hufes, der auf dem Kinderfuß landet, können trotz Aufklärung meist nicht sicher eingeschätzt werden. Es ist also von größter Wichtigkeit, dass das Therapiepferd in der Lage ist, alltägliche Hantierungen gelassen hinzunehmen. Je besser es sich am Therapeuten orientiert, desto weniger wird es sich von irritierenden Menschen verunsichern lassen (siehe Voraussetzungen Therapeut).

Zu dem generell gelassenen Wesen in alltäglichen Situationen kommt für das Therapiepferd hinzu, dass es auch neue, eventuell erschreckende Momente bewältigen kann. Damit das gelingt, ist es nötig, mit dem Tier ein möglichst vielfältiges Schrecktraining zu absolvieren. Es ist natürlich nicht möglich, sämtlichen Situationen, in die wir mit unserem Pferd im Laufe unseres Arbeitslebens kommen können, durch Üben ihren Schrecken zu nehmen, doch wird ein Pferd, das vielfältig gelernt hat, dass sich das Gespenst vor ihm als ungefährlich entpuppt und im besten Fall eine Möhre für es herausspringt, allgemein in gruseligen Situationen ruhiger und überlegter reagieren. Auch hier spielt wieder die Beziehung zum Therapeuten eine tragende Rolle.
Das angehende Therapiepferd soll sich erschrecken dürfen, denn wir wünschen uns einen lebendigen Arbeitskollegen. Es muss aber gelernt haben, sich in seinem Schreck am Therapeuten zu orientieren und sich nicht kopflos in der Flucht sein Heil suchen. Wenn es dazu neigt, sich in Panik hineinzusteigern oder für den Therapeuten völlig unvorhersehbar reagiert, sollte man über eine Karriere in der Therapie nochmal nachdenken. Da es noch keine Prüfung für Therapiepferde gibt, obliegt uns Therapeuten eine besondere Sorgfaltspflicht bei der Vorbereitung, Ausbildung und Einschätzung unserer Pferde!



Klientenspezifische Voraussetzungen

In der Arbeit mit Kindern und hier speziell im Feld der Körperarbeit, was bei pferdegestützter Logopädie im besonderen der Fall ist, benötigen wir einen Partner, der vielseitig belastbar ist. Zum einen ganz wörtlich gesprochen: Das Pferd braucht einen gut bemuskelten, am besten breiten Rücken. Seine Gänge sollten weich und geschmeidig sein, dabei aber nicht zu schwungvoll. Nicht vergessen, wir arbeiten mit Reitanfängern... Auch die Größe des Pferdes gilt es zu beachten. Wenn Sie mit Menschen arbeiten, die Sie beim Reiten sichern müssen, wird Ihnen der Spaß bei einem Shire schnell vergehen. Zudem sollte das Pferd so gut im Tempo regulierbar sein - auch im Trab!- dass Sie bequem nebenher gehen können.


Schließlich werden Sie mit Ihrem Reiter sprechen, was schwer wird, wenn Sie Runde um Runde durch den Hallensand rennen müssen.


In der Praxis hat sich gezeigt, dass gerade ängstliche Kinder zunächst gerne auf Ponies zugehen. Das ist für den Anfang, auch wenn es um Putzen geht, nicht schlecht, recht schnell kommt aber der Moment, in dem das Kind reitet. Die hochfrequenten Gänge von Ponies machen es Anfängern sehr schwer, locker zu sitzen und ihren Körper aufzurichten. Und von einem kleinen Rücken rutscht man, zum Beispiel bei einer Mühle, viel schneller herunter, als von einem großen. Hier gilt es abzuwägen, welchen Focus Sie legen möchten.
Auch der Einsatz in Gruppen ist mit Ponies eher schwierig, zwei Kinder haben gleichzeitig einfach keinen Platz auf den kleinen Rücken.
Für die Arbeit mit Kindern, die sich in unserem Fall auf dem Pferd bewegen sollen, sich strecken und drehen, legen und stehen, und mit allerlei Material hantieren, ist ein wirklich ruhiges Pferd von kräftiger Statur sehr geeignet. Und wenn ein ängstliches Kind zum ersten Mal auf dem "Riesen" sitzt und beginnt, sich wohlzufühlen, dann ist in Sachen Selbstbewusstsein schon viel erreicht...

Sind Ihre Patienten oder Klienten eher Erwachsene, beziehungsweise ist Ihre Therapie stark auf Führtraining ausgelegt, ist ein sensibles Pferd wünschenswert. Natürlich ist Sicherheit das oberste Gebot, doch an der Hand führt ein Hopser nicht gleich zum Sturz, vielmehr kann es sogar dem Therapieziel förderlich sein, wenn nicht alles wie von selbst gelingt und das Pferd zeigt, dass es ein lebendiges Wesen ist. Viele Menschen neigen dazu, ihren Anteil an dem Gelingen der Aufgabe der Tatsache zuzuschreiben, dass es sich ja um ein "braves Pferd" handelt, was natürlich prinzipiell der Wahrheit entspricht. Es ist daher durchaus sinnvoll, in der Freiarbeit auch mal zu erleben, wie ein Pferd galoppieren oder buckeln kann. Wenn es dann gelingt, mit diesem "wilden" Tier in Dialog zu treten und es führen zu können, so ist der Effekt ein umso größer.
Für Frei- und Führtrainings können wir Pferde einsetzen, die sehr sensibel auf Körpersprache und feine Kommunikation reagieren. Das müssen natürlich auch diejenigen, die mit Kindern arbeiten, doch sollten diese unwillkürliche Bewegungen sehr gut tolerieren können und nicht sofort als Zeichen zum Antreten interpretieren.

Ein Therapiepferd leistet eine schwere Arbeit und es sollte Freude dabei haben, und sie körperlich als auch geistig bewältigen können. Wenn Sie bemerken, dass das Pferd sich zunehmend verschließt und abstumpft, haben Sie vielleicht ein gut funktionierendes "Therapiematerial", doch sowohl aus Fairness als auch aus Qualitätsgründen, sollten Sie überdenken, ein solches Pferd einzubeziehen, beziehungsweise das Einsatzfeld verändern. Manche Pferde sind beispielsweise für die Arbeit mit Kindergruppen nicht gut geeignet, weil ihnen das Gewusel der kleinen Gestalten und die Unruhe zu viel sind. Das gleiche Pferd hat aber vielleicht Riesenspaß bei Kommunikationstrainings oder zeigt sich besonders sensibel bei Coachings.
Je mehr unterschiedliche Charaktere und Staturen Sie in ihrem Team haben, desto besser werden Sie den geeigneten Co-Therapeuten für Ihre Patienten finden.